Mario & die Verse

Mario, Schauspieler, aus Wien empfiehlt „Stadtauswärts. Gedichte“ von Christian Teissl.

Seine poetische Sprache hat im Lauf der Zeit eine Wandlung hin zur Einfachheit durchlebt. Anfangs artifizieller, von kühneren Metaphern durchzogen, entwickelte Teissl sie zu einer Klarheit und Präzision weiter, die selten ist. Trotz oder gerade wegen ihrer auf den ersten Blick schlichten Gedankengänge öffnen seine Gedichte weite Räume.

Seit Jahren hatte er, lebensmüde
und sterbensmatt, keine Silbe mehr
zu Papier gebracht; da besuchte ich ihn
eines Nachmittags zwischen Sommer und Herbst
in seiner Behausung am Rande der Stadt.

Von seinen Gesammelten Werken umstellt,
eingehüllt in das Aroma erstorbener Zigaretten,
lag er regungslos da, starrte unverwandt
auf die Buchenhecke vor seinem Fenster,
als niste darin ein verwundeter Vogel
oder ein Schwarm junger Verse.

Der hier angesprochene Poet war Alois Hergouth, ein für die Entwicklung Teissls wichtiger Lyriker. Der Blick des erlöschenden Dichters ist sehnsuchtsvoll auf die Poesie, den ‚Schwarum junger Verse‘, gerichtet. Der ‚verwundete Vogel‘ spricht von ihm selbst, der zur Ausführung seiner Berufung nicht mehr fähig ist.

Neben manchen Abschieden vereint dieser Lyrikband auch sehr helle Verse. Teissl schildert in feinen Zügen das ‚wellige Land‘ seiner Heimat Steiermark. Er steigt in den fantastischen Raum der Kindheit hinab, blickt in fremde Leben hinein, spürt im nebligen November die Sonne auf. Am Buchrücken des 64 Seiten umfassenden Bandes, das ohne Vor- oder Nachwort auskommt, stehen folgende Zeilen:

ABSEITS
An diesem Regenmorgen
blieb alles auf Kurs,
fand und fing alles sich wieder
im blinden Spiegel der Straßen.
Einer aber verließ unbemerkt
seine Bahn, ließ sich nicht
von Verbotsschildern leiten,
setzte sich über Zäune hinweg,
lief zur abbruchreifen Fabrik
und pflückte sich dort
Margeriten.

Christian Teissl. Stadtauswärts. Gedichte. Neue Lyrik aus Österreich, Band 15. Verlag Ferdinand Berger & Söhne. 2016